Roland Buti: Das Flirren am Horizont

das flirren am horizont

Es ist Sommer, ein heißer Sommer im Jahr 1976. Seit Wochen beherrscht die Hitze das Wetter, die Hitze und die dazugehörige Dürre. Vor allem die Bauern stöhnen über den mangelnden Regen. Besonders hart trifft es die Sutters in der französischen Schweiz. Dort hat der Familienvater sein gesamtes Geld in eine Hühnerzucht gesteckt und jetzt verenden jeden Tag immer mehr Küken.

Gus ist 13 Jahre alt. Der Sommer markiert für ihn eine Zeit der Veränderung, das Ende der Kindheit. Er wächst wie tausende andere Bauernkinder mit den Tieren auf, akzeptiert den Tod der Tiere als notwendigen Bestandteil. Seine Mithilfe wird vorausgesetzt vom Vater, trotzdem bleibt ihm aber auch genügend Zeit zum Zeichnen, Träumen, Herumstromern. Die Arbeitsteilung der Eltern ist dabei betont traditionell – die zarte Mutter kümmert sich um den Haushalt, der grobschlächtige Vater um den Betrieb. Was die beiden jemals zusammengeführt hat, bleibt fraglich. Liebe oder auch nur Zuneigung scheint es nicht (mehr?) zu sein.
Zu der Familie gehört auch noch die ältere Schwester Léa, die sich von Gus und vor allem von dem Leben auf einem Bauernhof gefühlsmäßig schon weit entfernt hat und der Knecht Rudy, ein entfernter Verwandter, der geistig behindert ist, aber mit den immer gleichen Aufgaben auf dem Hof genügend Struktur im Leben hat.

Dies eher fragile Kontrukt wird durch die Ankunft einer Freundin der Mutter zerstört, den diese fremde Frau entpuppt sich als Geliebte der Mutter.

Der Tonfall des Buches ist melancholisch und wird aus der Sicht von Gus erzählt. Die Welt, wie der Vater sie kennt und schätzt, wird durch die Veränderungen in der Landwirtschaft so nicht weiter bestehen, auch wenn er es zunächst nicht wahrhaben will. Auch vor der Geliebten seiner Frau verschließt er am Anfang die Augen, bis er sie nicht mehr ignorieren kann. Die Beschreibungen der Umwelt, die Gefühle der Menschen werden äußerst plastisch beschrieben. Gus kann nicht verstehen, was für Gefühle die Fremde auch in ihm weckt. Für Gus steht fest, wenn die Frau weg ist, dann wird alles wieder gut. In den Momenten ist er kein verwirrter Teenager mehr, sondern ein Kind, das spürt, wie die Familie auseinander bricht und das nicht akzeptieren kann – aber notgedrungen muss.

Insgesamt ein dicht erzähltes, sehr atmosphärisches Buch – keine leichte Sommerlektüre, aber wer jetzt im Spätsommer noch ein passendes Buch für die derzeitigen Temperaturen sucht, dem kann ich es nur empfehlen.

OT: Le milieu de l’horizon

Igort: Berichte aus der Ukraine

ukraine

Erinnerungen an die Zeit der UdSSR – so lautet der Untertitel dieses Buches. Gefunden habe ich es in meiner Bücherei, die eine kleine, aber feine Auswahl an Graphic Novels hat. Und schon nach den ersten Seiten wollte ich es nie, nie wieder zurück geben. Tja – nachdem ich die Ausleihzeit bis auf das äußerste ausgereizt hatte, musste ich mir es mir doch kaufen.

2008 und 2009 reiste der italienische Comiczeichner Igort durch die Ukraine und Russland. Herausgekommen sind wirklich erschütternde Lebensgeschichten unterschiedlicher Menschen. Sie erzählen vom Holodomor, der großen, von Stalin verursachten Hungersnot von 1932/33, als Millionen Menschen verhungerten. Sie aßen ihre Haustiere, dann verweste Kadaver und schließlich auch andere Menschen. Doch die Menschen, die den Holodomor überlebten, erzählten auch aus dem weiteren Leben, von Beziehungen, die scheiterten, Kindern, die sich den Eltern entfremdet hatten. Auch die Gegenwart ist nicht leicht, Hoffnungslosigkeit bestimmt das ganze Buch. Denn die Menschen, die den Holodomor als Kinder er- und überlebt haben, müssen sich nun mit winzigen Renten irgendwie durchschlagen.

Der Schwerpunkt des Buches liegt zwar bei den Ereignissen der 1920er, 30er Jahre, doch auch Tschernobyl hat seinen Platz darin. Die Zeichnungen sind schlicht, brutal, manchmal fast schon abstrakt, aber auf jeden Fall erschütternd. In mancher Hinsicht, gerade was die Bemerkungen zu den Beziehungen zu Russland angeht, scheint das Buch schon wieder veraltet zu sein – bzw., von den Vorfällen der letzten Jahre überholt zu sein. Nichtsdestotrotz ist es ein Buch, das ich jedem dringend ans Herz legen möchte.

Igort hat über seine Reise noch ein weiteres Buch geschrieben, das ich zwar noch  nicht kenne, das aber ebenfalls schon auf meiner Wunschliste steht: „Berichte aus Russland (Der vergessene Krieg im Kaukasus)“

OT: Quaderni ucraini – Memorie dai tempi dell’URSS
Leseprobe

Europa erlesen – ein Update

Europa erlesen!

Europa erlesen – ein kleines, privates Buchprojekt, das ich vor etwas mehr als 3 Jahren ins Leben gerufen habe. Nachdem ich in den letzten Monaten mehrere Staaten „erlesen“ habe, wird es mal wieder Zeit für ein kleines Update. Auf der letzten Karte vom Dezember 2014 sah es bei mir noch so aus:

alt

Gute 18 Monate später sind viele weitere Staaten eingefärbt worden. Überwiegend Osteuropa, aber auch Island und (gerade eben) Luxemburg:

stepmap

Inzwischen suche ich nicht mehr viele Bücher. Bei den vielen der verbleibenden Staaten habe ich bereits eine Buchidee, bei einigen sogar mehrere. Da werde ich mich einfach spontan entscheiden. Folgen wird in den nächsten Tagen noch eine Rezension zur Ukraine – dabei wird es sich übrigens weder um einen Roman noch um ein Sachbuch handeln, sondern eine Graphic Novel. Welchen Staat ich als nächstes erlesen werde, weiß ich noch nicht – im Moment tendiere ich zu Roland Buti’s „Das Flirren am Horizont“ für die Schweiz. Der Klappentext klingt perfekt für die derzeitige schwüle Luft!

Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht

teufelsfrucht

Ein Buch mit Handlungsort Luxemburg? Ich gebe zu, das hat als erstes mein Interesse geweckt. Außerdem klang das Schlagwort „kulinarischer Krimi“ nach einer spannenden Mischung. Und so habe ich mir das Buch schnell runtergeladen und nicht bereut.

Xavier Kieffer war früher mal Sternekoch und auf dem Weg nach oben in die Spitzengastronomie. Doch dann kehrte er der Haute Cuisine den Rücken zu und serviert nun in seinem eigenem Lokal bodenständige, einheimische Küche mit so deftigen Sachen wie Huesenziwwi (Hasenpfeffer) und Bouneschlupp (Bohnensuppe). Und so ist er auch erstaunt, das sich in sein kleines, verstecktes Lokal ein Restaurantkritiker des berühmten Gabin verirrt. Dummerweise bricht der Mann schon nach Vorspeise tot zusammen. Kurz danach verschwindet sein früherer Lehrmeister spurlos. Xavier versucht sich als Ermittler auf eigene Faust.

Es wird viel gekocht in dem Roman, sehr viel. So sehr, das ich das Buch niemanden empfehlen möchte, der gerade eine Diät macht. Mir lief auf jeden Fall ständig das Wasser im Munde zusammen. Da es aber nicht nur um Spitzengastronomie geht, sondern auch im die Möglichkeiten der modernen Lebensmitteltechnologie, hielt sich der Appetit dann doch in Grenzen. Der Schauplatz Luxemburg wird sehr genau beschrieben – die Mehrsprachigkeit, die EU-Beamten, die verschiedenen Stadtviertel. Eine Städtereise nach Luxemburg steht bei mir nun hoch auf der Wunschliste. Vieles erzählt der Autor mit einem Augenzwinkern, der Humor kommt hier nicht mit brachialer Gewalt, sondern eher mit feinen, ironischen Seitenhieben. Überhaupt hat mir der Sprachstil gut gefallen, so gibt es zwischendurch immer wieder mal einzelne Wörter auf Lëtzebuergesch. Auch an gastronomischen Fachsprache wird nicht gespart, vieles davon konnte ich mir aber aus dem Zusammenhang erschließen. Ansonsten gibt es am Ende aber auch noch ein Glossar.

Der Kriminalfall selber wird schlüssig und spannend erzählt. Blut fließt zum Glück eher spärlich, obwohl der kleine, gemütliche Xavier doch ganz schön ins Schwitzen kommt bei den diversen Verfolgungsjagden. Lange Zeit tappt der Koch im Dunkeln, wie die verschiedenen Spuren zusammen hängen, so das die Ermittlungen über weite Strecken eher gemütlich und von hochprozentigen Getränken begleitet werden. Leider passte der Showdown am Ende des Buches nicht zum restlichen Buch, mir kam es doch recht überhastet vor. Doch das wird mich nicht davon abhalten, bei Gelegenheit in den zweiten Fall von Xavier Kieffele hinein zu lesen.

Andreas Séché: Zwitschernde Fische

zwitschernde fische

Ein Buchliebhaber will ein Buch kaufen und erlebt eine unglaubliche Geschichte. So könnte ich das Buch in einem Satz zusammenfassen und doch wäre es viel zu wenig.

Schauplatz ist Athen. Hier lebt Yannis, der aus dem Kauf eines neuen Buches immer ein Ritual macht. Diesmal verirrt er sich in den kleinen Gassen und landet in einem kleinem, verstaubten Buchladen. Dort trifft er Lio, eine geheimnisvolle Frau, die ihn sofort verzaubert. Doch nach einigen Gesprächen über Bücher verschwindet Lio spurlos.

„Zwitschernde Fische“ ist ein Buch mit einer wundervollen, poetischen Sprache, in dem sich Realität und Fiktion vermischen. Die Gespräche über die Welt der Bücher, die Yannis und Lio führen, sind informativ, wenn es um die Herstellung von Büchern geht. Aber von der bloßen Herstellung geht es zum schreiben selber und hier wird es magisch. Warum ähneln sich die Gestalten in manchen Büchern so sehr? Können sich Romanfiguren wirklich gegenseitig besuchen? Der Gedanke ist auf jeden Fall reizvoll. Zusätzlich gibt es auch noch weitere Einschübe über weitere Autoren, die wahrlich nicht immer Helden waren, sondern manchmal auch zu Mördern wurden.

Neben den fast schon philosophischen Erörterungen gibt es dann aber auch die Frage, was mit Lio passiert ist und wer sie eigentlich ist. Dabei wird die Geschichte nicht zu einem Abenteuerroman, aber es bringt eine Prise Spannung hinein. Und zumindest für mich war die wahre Identität von Lio eine Überraschung.

Vladimir Zarev: Familienbrand

familienbrand

Es beginnt mit einem Tod. Assen Weltschev, Familienoberhaupt, Vater von fünf erwachsenen Kindern, stirbt im Ehebett. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende. Noch ist das Leben in Widin, einer Kleinstadt an der Donau in Bulgarien beschaulich. Die Mutter versucht, die Familie zusammen zuhalten, doch sind die Kinder zu unterschiedlich, haben verschiedene Interessen und Vorlieben. Da ist der älteste, Jordan, der die Kneipe erbt, Panto, schön und leichtsinnig, Christo, der so gebildet und doch ein Träumer ist und der jüngste Sohn, Ilja, dessen Erbe darin besteht, das er seinem ältestem Bruder zur Hand gehen muss. Auch die Tochter Jonka leidet – ihre Ehe bleibt kinderlos und das Paar tröstet sich mit Alkohol.

Fast 800 Seiten ist „Familienbrand“ dick und behandelt die Geschichte der Weltschevs und damit auch Bulgariens von der Jahrhundertwende bis kurz nach dem zweitem Weltkrieg. Die Familie splittert sich langsam auf, die einzelnen Mitglieder gehen eigene Wege. Viele verlassen schließlich die Kleinstadt und gehen nach Sofia, so das gerade im zweiten Teil die Handlung überwiegend aus der Hauptstadt erzählt wird. Und zeitweise sind es nicht Familienmitglieder, die die Geschichte weiter erzählen, sondern Freunde, Bekannte – und Feinde. Zeitlich bleibt es linear, aber durch die Vielzahl an Personen hatte ich doch gerade am Anfang meine Schwierigkeiten, dem Inhalt zu folgen. Eine Personenübersicht hätte mir da doch sehr geholfen.

Viele Kriege beeinflussen die Geschichte: die Balkankriege, der erste und der zweite Weltkrieg. Monarchisten und Sozialisten bekämpfen sich. Die meisten wollen nur irgendwie weiterleben, überleben. Kinder werden geboren, Menschen sterben, manchmal friedlich, manchmal nicht. Insgesamt ist der Tonfall melancholisch und leider empfand ich ich es teilweise auch recht langatmig. Kein Buch, das man zum Spaß liest, bei dem mensch sich wohlfühlen kann. Dazu kommen gerade im Laufe der Geschichte auch immer wieder Beschreibungen von Folterungen, die übrigens genauso lakonisch wie das restliche Buch erzählt werden.

Doch obwohl ich für das Buch längere Zeit gebraucht habe, habe ich die Familie auch ins Herz geschlossen. Hier gibt es keine guten und schlechten Menschen, kein schwarz-weiß denken. Jeder hat zweit Seiten: Familienvater und skrupelloser Fabrikant. Liebevolle Tochter und betrügerische Ehefrau. Wobei, die schlechten Seiten überwiegen doch irgendwie. Doch trotz aller Kritik, ich bin froh, dass das Abenteuer der Weltschevs gerade erst begonnen hat. Denn dies, auch wenn abgeschlossen, ist erst der erste Teil einer Trilogie und ich habe den zweiten Teil, „Feuerköpfe“ hier schon liegen.

OT: Bitieto

Deocreme selbst gemacht

deocreme

Deocreme ohne Aluminium? Als ich das vor einigen Jahren zum ersten Mal gehört habe, war ich fasziniert. Begeistert musste ich feststellen, das sie mir sogar besser als „normale“ Deos half. Ich fand es aber ökologisch mehr als bedenklich, nur wegen einer kleinen Dose diverse Verpackungsmaterialien zu verbrauchen. Dazu die teilweise doch hohen Preise und Versandkosten. Selber machen war für mich die Antwort!

Es gibt dutzende Rezepte im Internet, ich nutze allerdings ein simples und nehme je ein Teil

  • Kokosöl
  • Sheabutter
  • Natron
  • Zink
  • Stärke

Sheabutter und Kokosöl

deocreme

Als Maßeinheit verwende ich Teelöffel. Kokosöl und Sheabutter kann man wohl gegeneinander austauschen und z.b. 2 Teile Kokosöl verwenden und die Sheabutter weglassen oder umgekehrt. Damit habe ich aber bisher keine Erfahrung gesammelt.

Und dann geht es schon ans mischen:

Die festen Öle im Wasserbad schmelzen. Mikrowelle geht vermutlich auch, aber da muss man sehr aufpassen, das die Öle nicht zu heiß werden!

deocreme

Die festen Bestandteile in einer zweiten Schüssel mischen.

deocreme

Diese dann zu den flüssigen Ölen geben und dann heißt es rühren, rühren, rühren!

deocreme

deocreme

Das dauert einige Minuten. Dann nur noch in eine saubere Dose füllen und fertig!

deocreme

Das Ergebnis sind etwa 25-30ml Deocreme. Ich komme damit ca. 8-10 Wochen aus (bei fast täglicher Verwendung). Die Creme braucht bei Raumtemperatur einige Tage, bis sie richtig fest ist. Im Kühlschrank dürfte es schneller gehen, das spare ich mir aber.

Noch ein paar Tipps:

  • Sauberkeit! Zwar enthält das Deo kein Wasser, aber man sollte trotzdem auf sauberes Arbeiten achten. Ich reinige alles vorher mit kochendem Wasser.
  • Zinkoxid habe ich in der Apotheke gekauft. Ich musste zwar erst ein bisschen diskutieren, aber dann durfte ich 10g kaufen.Wahrscheinlich komme ich damit ein Jahr aus.
  • Beim Natron habe ich etwas länger gesucht – beim ersten Mal habe ich das übliche aus dem Supermarkt gekauft, das aber leider nicht sooo fein gemahlen ist. Inzwischen kaufe ich eine hochpreisigere Variante im Bioladen, die schön pudrig ist.
  • Duft – wer will, kann das Deo natürlich auch beduften. In dem Fall arbeitet bitte mit 100% naturreinen ätherischen Ölen. Auf keinen Fall irgendwelche billigen Öle verwenden.