Warum liest du?

Tobi von lesestunden.de hat einen ganzen Fragenkatalog ins Netz gestellt, in denen es um – Überraschung! – das lesen geht. Eine einzige Frage war ihm zu wenig… ich fand die Fragen und vor allem die Antworten anderer Blogger spannend und so will ich den Abend für die Beantwortung nutzen.

Warum liest du?
Weil es Spaß macht?! Das ist wohl der Hauptgrund. Außerdem ist es ein netter Zeitvertreib, es ist ein eher stilles und leises Hobby, kann fast überall ausgeübt werden. Und mit den entsprechenden Büchern kann ich mein Wissen vertiefen bzw. dafür Sorgen, das meine Englischkenntnisse nicht einrosten.

Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?
Alles. Nein, alles stimmt auch wieder nicht, es gibt Bereiche, mit denen ich nichts anfangen kann. Bevorzugt lese ich momentan zeitgenössische Literatur, Fantasy, Krimi, Liebesromane, Sachbücher und ab und zu auch ein Klassiker.

Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?
Puh, früher hatte ich viele Lieblingsautoren. Inzwischen gibt es einige, die mir immer noch wichtig sind (Charlotte Bronte, Tolkien, John Irving, Haruki Murakami, Georgette Heyer, Jasper Fforde, Alice Hoffman u.a.), aber die Bedeutung für mich wird weniger.

Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?
Am liebsten daheim. Aber natürlich auch unterwegs – was soll ich sonst bei stundenlangen Reisen im Zug schon machen? Auf dem Weg zur Arbeit benutze ich das Rad, da ist natürlich nix mit Lesen.

Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?
Verglichen mit meiner Umgebung lese ich viel. Wenn ich viel anderes zu tun habe, dann auch mal nur ein Minuten vorm Einschlafen, an freien Tagen können es auch einige Stunden werden. Lesepausen kommen auch vor – manchmal ergibt es sich einfach so.

Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?
Schnell, aber eine Seitenanzahl? Hängt doch sehr davon ab, ob ich einen fluffigen Liebesroman oder ein Sachbuch lese…

Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?
Meistens zwei: ein Roman und ein Sachbuch oder zwei Romane (was anspruchsvolles und was leichtes).

Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?
Definitiv Hardcover. Broschierte Bücher sind für mich komische Wesen – Taschenbücher, die einen auf edel machen wollen. Aber meistens siegt der Verstand und es wird ein Ebook oder Taschenbuch. Wobei mir da Ebooks lieber sind. Prunkausgaben sind hübsch fürs Regal, aber bis auf wenige Ausnahmen ist es mir das Geld nicht wert.

Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?
Sagen wir mal so: Wenn der Preis stimmt, dann freue ich mich über ein hübsches, gebundenes Buch. Ich werde vermutlich auch schneller auf ein entsprechendes Buch aufmerksam, aber wenn mich der Inhalt nicht anspricht, dann nützt ein schönes Cover nichts.

Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?
Ja, definitiv! Hm, ich schätze, das ich etwa 50-70% meiner Bücher als Ebook lese. Eigentlich lese ich da auch nichts anderes, bei englischen Büchern bevorzuge ich es sogar (wegen des Wörterbuch und außerdem finde ich die englischen Taschenbücher gruselig schlecht) und bei Klassikern finde ich Möglichkeit kostenloser Downloads auch sehr verlockend.

Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?
Kaufst du auch gebrauchte Bücher?
Entweder in der Bücherei oder in der Buchhandlung um die Ecke (die übrigens eine recht große ist). Gebrauchte Bücher kaufe ich an den Ständen der Obdachlosenhilfe, wenn ich aber ein bestimmtes Buch suche, dann bestelle ich es online. Ebooks natürlich nur online. Einen Bücherbus kenne ich nur aus Erzählungen.

Wieviel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?
Kommt auf das Buch an. Bei Sachbüchern kann es auch mal mehr sein.

Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Ja, an Freunde und Kollegen. Erfahrungen? Von gar nicht zurück bekommen über Knicke im Buch, aber auch sehr pfleglich behandelt.

Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)
Es werden auf jeden Fall immer weniger – früher hatte ich einen SuB im dreistelligen Bereich, inzwischen habe ich mich in den niedrigen zweistelligen Bereich runter gelesen. Und auch die Ebooks werden weniger.

Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?
Im Wohnzimmer. Kochbücher in der Küche, und die, die ich derzeitig lese, schleppe ich kreuz und quer durch die Wohnung.

Wie sortierst du deine Bücher im Regal?
Romane von A-Z nach dem Nachnamen des Autors, Sachbücher grob nach Themen.

Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?
Lesezeichen, Kassenbons oder irgendwelche anderen Zettel.

Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?
Wie es sich gerade ergibt. Und es kommt auch darauf an, wie lang das Kapitel ist.

Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?
Das ist bei mir meist ein Bauchgefühl. In der Buchhandlung setze ich mich ganz gerne mit einigen Bücher hin und lese rein. Wenn es mich dann anspricht, dann hat es schon fast gewonnen. Manchmal entscheide ich mich aber trotzdem gegen den Kauf, sondern setze es erst mal auf die Wunschliste. Bei Ebooks brauche ich zwingend eine Leseprobe, ohne die geht gar nichts. Auf den Verlag achte ich nicht.

Wirfst du Bücher in den Müll?
Ja, wenn ich sie nicht anderweitig los werde.

Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?
Ich suche mir meinen Freundeskreis nicht danach aus, wie viel gelesen wird. Ich habe sehr viele Freunde, die mit Büchern rein gar nichts anfangen können. Müssen sie auch nicht, es gibt auch andere Themen, die Gesprächsstoff bieten.

Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?
Gering. Ich habe zwar das eine oder andere Fachbuch, aber lieber sind mir inzwischen Fachzeitschriften, die sind aktueller.

Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?
Aber natürlich! Warum sollte ich meine kostbare Lebenszeit vertrödeln?

Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?
Manchmal.

Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?
Ich glaube, bei einem Feuer hätte ich ganz andere Probleme…

Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?
Hm, im Winter trinke ich gerne einen Tee. Aber den mag ich auch ohne Buch.

Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?
Stille. Je ruhiger, desto besser.

Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?
Ich habe viele Bücher, die ich mehrmals gelesen habe. Weil ich beim wiederholten lesen oft neue Aspekte entdecke. Und manche Bücher habe ich so oft gelesen, das sie sich irgendwie heimisch anfühlen.

Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?
Bei Papierbüchern eher selten, aber wenn, dann nutze ich Book Darts. Elektronisch markiere ich mir öfters bestimmte Sätze.

Ich hoffe, Tobi wird die Fragen auch selber mal beantworten. ;)

Susanne Kippenberger: Das rote Schaf

Vor vielen Jahren las ich „Englische Liebschaften“ von Nancy Mitford. Ein sehr amüsanter Gesellschaftsroman über eine englische Adelsfamilie mit vielen, exzentrischen Schwestern. Und irgendwo in der Buchbeschreibung las ich damals, das der Roman wohl teilweise auch autobiografisch sei.

Irgendwie habe ich den Namen „Mitford“ all die Jahre im Hinterkopf behalten. Kein Wunder, das mich die Biografie über eine der Mitfords gleich angesprochen hat.

Die Mitfords sind auch deshalb so faszinierend, weil sie praktisch das gesamte 20. Jahrhundert darstellen. Weltkriege und der spanische Bürgerkrieg, der Untergang des englischen Weltreiches und deren Aristokratie, Nationalsozialismus und Kommunismus, Studentenbewegung und Black Panther. Sechs Schwestern und ein Sohn (wobei der im 2. Weltkrieg starb – sonst hätte er vermutlich auch für einen Skandal gesorgt), die meisten davon mehr als exzentrisch: Nancy, die Schriftstellerin wurde und Geliebte eines französischen Politikers, Pamela, die nach ihrer Scheidung jahrelang mit ihrer Freundin zusammenlebte. Diana und Unity begeisterten sich beide für den Faschismus und Hitler, Jessica, die als Kommunistin in den USA lebte und Deborah – die einzige, die ihres Standes entsprechend heiratete. Unkonventionell erzogen wurden alle – die Eltern hielten nichts von der Schule, die Mädchen durften aber auch keinen Besuch empfangen und waren so aufeinander angewiesen.

In dem vorliegendem Buch liegt der Schwerpunkt auf Jessica Mitford. Mit 19 Jahren hatte sie genug von England und ihren Elternhaus und türmte zusammen mit ihrem Cousin und Liebhaber, um sich Francos Gegners in Spanien anzuschließen. Dort blieben sie nicht allzu lange – nach einigen hin und her und dem Tod des ersten Kindes landete das inzwischen verheiratete Paar in den USA. Ihr Mann starb, Jessica blieb in den Staaten und heiratete schließlich einen linken, jüdischen Anwalt.

Die Biografie erzählt nicht immer geradlinig – manchmal springt die Geschichte vor, dann wieder etwas zurück. Verwirrend war das kein bisschen. Das Leben von Jessica war so spannend, so außergewöhnlich – als Roman hätte ich vermutlich bemängelt, wie realitätsfern die Geschichte sei. Denn obwohl sie so unterschiedlich waren, die Schwestern hielten untereinander Kontakt, blendeten politische Konflikte (teilweise) aus.

Zu Anfang schrieb ich schon, das die Geschichte der Schwestern auch eine des 20. Jahrhunderts ist. Gerade bei Jessica trifft das zu. Sie machte sich einen Namen als Journalistin, schrieb Artikel und Bücher. Wenn irgendwo Konflikte ausbrachen, dann war sie zur Stelle. Rassenunruhen in den Südstaaten, die Studentenbewegung, der Vietnamkrieg – völlig egal, sie und ihr Mann mischten immer mit. Sie erlebten die Repressalien der McCarthy Ära am eigenem Leibe, waren aber beide völlig blind, was die Verbrechen in den kommunistischen Staaten anging. Gerade diese Gegensätze hat die Autorin schön herausgearbeitet, so das es bei alles Sympathie für Jessica nicht eine glatte Jubelrede geworden ist. Gerne mehr!

Joe Sacco: Sarajevo

sarajevo

Beim Ausbruch der Kriege im ehemaligen Jugoslawien war ich noch Teenager und wirklich verstanden habe ich damals nicht, warum da plötzlich ein Krieg mitten in Europa war. Um ein Verständnis für die Gründe der Kriege zu entwickeln ist diese Graphic Novel zwar nicht geeignet, aber dafür bietet es einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen, die die den Krieg in Bosnien erlebt haben. Bei den drei Geschichten handelt es sich um Reportagen, die hier nicht nur durch den Text, sondern auch durch die entsprechenden Zeichnungen dargestellt wurden. Teilweise sind die Zeichnungen sehr eindrucksvoll, aber für manche Ereignisse empfand ich sie auch seltsam belanglos. Ich bin mit Sicherheit keine Expertin auf dem Gebiet der Graphic Novels, doch fand ich die Reportagen von Igort einfach beeindruckender.

Da ist zu einem Neven. Seine Geschichte ist übrigens die längste in dem Buch und nimmt etwa zwei Drittel ein. Neven ist ein Fixer – kein Drogenabhängiger, sondern jemand, der alles mögliche für Journalisten in Kriegsgebieten organisiert („to fix“ im englischen): Unterkunft, Transportmittel, Übersetzungen, Kontakte zu den Kämpfern knüpfen, etc. Neven erzählt dabei viel, ob das alles so der Wahrheit entspricht? Das fragt sich auch der Autor selber, denn von anderen Bekannten hört er ganz andere Dinge.

In der zweiten Geschichte geht es um Soba (oder auch Shoba) – Musiker und Maler. Und im Krieg hat er Tretminen gelegt, eine Tätigkeit, die ihn auch später noch verfolgt. Mit Joe Sacco zieht er durch die Nachtclubs und Bars in Sarajewo.

Und in der letzten Geschichte will Joe Sacco zusammen mit anderen Journalisten den Kriegsverbrecher Radovan Karadzic interviewen (der wurde übrigens erst im März diesen Jahres verurteilt).

Vielleicht lag es auch an dem sehr unterschiedlichen Umfang, den diese Reportagen boten, das ich sie so unterschiedlich beurteile. Während ich die letzte sehr belanglos fand, war mir die erste teilweise zu langatmig. Die Story um Soba dagegen war für mich genau passend – durchgehend erzählt, keine Längen, aber auch nicht zu knapp. Kaufen würde ich mir nach dem jetzigen Buch keine weiteres Werk des Autors, aber als Leihbuch aus der Bücherei kann ich es gut vorstellen.

OT: The Fixer und War’s End

Roland Buti: Das Flirren am Horizont

das flirren am horizont

Es ist Sommer, ein heißer Sommer im Jahr 1976. Seit Wochen beherrscht die Hitze das Wetter, die Hitze und die dazugehörige Dürre. Vor allem die Bauern stöhnen über den mangelnden Regen. Besonders hart trifft es die Sutters in der französischen Schweiz. Dort hat der Familienvater sein gesamtes Geld in eine Hühnerzucht gesteckt und jetzt verenden jeden Tag immer mehr Küken.

Gus ist 13 Jahre alt. Der Sommer markiert für ihn eine Zeit der Veränderung, das Ende der Kindheit. Er wächst wie tausende andere Bauernkinder mit den Tieren auf, akzeptiert den Tod der Tiere als notwendigen Bestandteil. Seine Mithilfe wird vorausgesetzt vom Vater, trotzdem bleibt ihm aber auch genügend Zeit zum Zeichnen, Träumen, Herumstromern. Die Arbeitsteilung der Eltern ist dabei betont traditionell – die zarte Mutter kümmert sich um den Haushalt, der grobschlächtige Vater um den Betrieb. Was die beiden jemals zusammengeführt hat, bleibt fraglich. Liebe oder auch nur Zuneigung scheint es nicht (mehr?) zu sein.
Zu der Familie gehört auch noch die ältere Schwester Léa, die sich von Gus und vor allem von dem Leben auf einem Bauernhof gefühlsmäßig schon weit entfernt hat und der Knecht Rudy, ein entfernter Verwandter, der geistig behindert ist, aber mit den immer gleichen Aufgaben auf dem Hof genügend Struktur im Leben hat.

Dies eher fragile Kontrukt wird durch die Ankunft einer Freundin der Mutter zerstört, den diese fremde Frau entpuppt sich als Geliebte der Mutter.

Der Tonfall des Buches ist melancholisch und wird aus der Sicht von Gus erzählt. Die Welt, wie der Vater sie kennt und schätzt, wird durch die Veränderungen in der Landwirtschaft so nicht weiter bestehen, auch wenn er es zunächst nicht wahrhaben will. Auch vor der Geliebten seiner Frau verschließt er am Anfang die Augen, bis er sie nicht mehr ignorieren kann. Die Beschreibungen der Umwelt, die Gefühle der Menschen werden äußerst plastisch beschrieben. Gus kann nicht verstehen, was für Gefühle die Fremde auch in ihm weckt. Für Gus steht fest, wenn die Frau weg ist, dann wird alles wieder gut. In den Momenten ist er kein verwirrter Teenager mehr, sondern ein Kind, das spürt, wie die Familie auseinander bricht und das nicht akzeptieren kann – aber notgedrungen muss.

Insgesamt ein dicht erzähltes, sehr atmosphärisches Buch – keine leichte Sommerlektüre, aber wer jetzt im Spätsommer noch ein passendes Buch für die derzeitigen Temperaturen sucht, dem kann ich es nur empfehlen.

OT: Le milieu de l’horizon

Igort: Berichte aus der Ukraine

ukraine

Erinnerungen an die Zeit der UdSSR – so lautet der Untertitel dieses Buches. Gefunden habe ich es in meiner Bücherei, die eine kleine, aber feine Auswahl an Graphic Novels hat. Und schon nach den ersten Seiten wollte ich es nie, nie wieder zurück geben. Tja – nachdem ich die Ausleihzeit bis auf das äußerste ausgereizt hatte, musste ich mir es mir doch kaufen.

2008 und 2009 reiste der italienische Comiczeichner Igort durch die Ukraine und Russland. Herausgekommen sind wirklich erschütternde Lebensgeschichten unterschiedlicher Menschen. Sie erzählen vom Holodomor, der großen, von Stalin verursachten Hungersnot von 1932/33, als Millionen Menschen verhungerten. Sie aßen ihre Haustiere, dann verweste Kadaver und schließlich auch andere Menschen. Doch die Menschen, die den Holodomor überlebten, erzählten auch aus dem weiteren Leben, von Beziehungen, die scheiterten, Kindern, die sich den Eltern entfremdet hatten. Auch die Gegenwart ist nicht leicht, Hoffnungslosigkeit bestimmt das ganze Buch. Denn die Menschen, die den Holodomor als Kinder er- und überlebt haben, müssen sich nun mit winzigen Renten irgendwie durchschlagen.

Der Schwerpunkt des Buches liegt zwar bei den Ereignissen der 1920er, 30er Jahre, doch auch Tschernobyl hat seinen Platz darin. Die Zeichnungen sind schlicht, brutal, manchmal fast schon abstrakt, aber auf jeden Fall erschütternd. In mancher Hinsicht, gerade was die Bemerkungen zu den Beziehungen zu Russland angeht, scheint das Buch schon wieder veraltet zu sein – bzw., von den Vorfällen der letzten Jahre überholt zu sein. Nichtsdestotrotz ist es ein Buch, das ich jedem dringend ans Herz legen möchte.

Igort hat über seine Reise noch ein weiteres Buch geschrieben, das ich zwar noch  nicht kenne, das aber ebenfalls schon auf meiner Wunschliste steht: „Berichte aus Russland (Der vergessene Krieg im Kaukasus)“

OT: Quaderni ucraini – Memorie dai tempi dell’URSS
Leseprobe

Europa erlesen – ein Update

Europa erlesen!

Europa erlesen – ein kleines, privates Buchprojekt, das ich vor etwas mehr als 3 Jahren ins Leben gerufen habe. Nachdem ich in den letzten Monaten mehrere Staaten „erlesen“ habe, wird es mal wieder Zeit für ein kleines Update. Auf der letzten Karte vom Dezember 2014 sah es bei mir noch so aus:

alt

Gute 18 Monate später sind viele weitere Staaten eingefärbt worden. Überwiegend Osteuropa, aber auch Island und (gerade eben) Luxemburg:

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Inzwischen suche ich nicht mehr viele Bücher. Bei den vielen der verbleibenden Staaten habe ich bereits eine Buchidee, bei einigen sogar mehrere. Da werde ich mich einfach spontan entscheiden. Folgen wird in den nächsten Tagen noch eine Rezension zur Ukraine – dabei wird es sich übrigens weder um einen Roman noch um ein Sachbuch handeln, sondern eine Graphic Novel. Welchen Staat ich als nächstes erlesen werde, weiß ich noch nicht – im Moment tendiere ich zu Roland Buti’s „Das Flirren am Horizont“ für die Schweiz. Der Klappentext klingt perfekt für die derzeitige schwüle Luft!

Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht

teufelsfrucht

Ein Buch mit Handlungsort Luxemburg? Ich gebe zu, das hat als erstes mein Interesse geweckt. Außerdem klang das Schlagwort „kulinarischer Krimi“ nach einer spannenden Mischung. Und so habe ich mir das Buch schnell runtergeladen und nicht bereut.

Xavier Kieffer war früher mal Sternekoch und auf dem Weg nach oben in die Spitzengastronomie. Doch dann kehrte er der Haute Cuisine den Rücken zu und serviert nun in seinem eigenem Lokal bodenständige, einheimische Küche mit so deftigen Sachen wie Huesenziwwi (Hasenpfeffer) und Bouneschlupp (Bohnensuppe). Und so ist er auch erstaunt, das sich in sein kleines, verstecktes Lokal ein Restaurantkritiker des berühmten Gabin verirrt. Dummerweise bricht der Mann schon nach Vorspeise tot zusammen. Kurz danach verschwindet sein früherer Lehrmeister spurlos. Xavier versucht sich als Ermittler auf eigene Faust.

Es wird viel gekocht in dem Roman, sehr viel. So sehr, das ich das Buch niemanden empfehlen möchte, der gerade eine Diät macht. Mir lief auf jeden Fall ständig das Wasser im Munde zusammen. Da es aber nicht nur um Spitzengastronomie geht, sondern auch im die Möglichkeiten der modernen Lebensmitteltechnologie, hielt sich der Appetit dann doch in Grenzen. Der Schauplatz Luxemburg wird sehr genau beschrieben – die Mehrsprachigkeit, die EU-Beamten, die verschiedenen Stadtviertel. Eine Städtereise nach Luxemburg steht bei mir nun hoch auf der Wunschliste. Vieles erzählt der Autor mit einem Augenzwinkern, der Humor kommt hier nicht mit brachialer Gewalt, sondern eher mit feinen, ironischen Seitenhieben. Überhaupt hat mir der Sprachstil gut gefallen, so gibt es zwischendurch immer wieder mal einzelne Wörter auf Lëtzebuergesch. Auch an gastronomischen Fachsprache wird nicht gespart, vieles davon konnte ich mir aber aus dem Zusammenhang erschließen. Ansonsten gibt es am Ende aber auch noch ein Glossar.

Der Kriminalfall selber wird schlüssig und spannend erzählt. Blut fließt zum Glück eher spärlich, obwohl der kleine, gemütliche Xavier doch ganz schön ins Schwitzen kommt bei den diversen Verfolgungsjagden. Lange Zeit tappt der Koch im Dunkeln, wie die verschiedenen Spuren zusammen hängen, so das die Ermittlungen über weite Strecken eher gemütlich und von hochprozentigen Getränken begleitet werden. Leider passte der Showdown am Ende des Buches nicht zum restlichen Buch, mir kam es doch recht überhastet vor. Doch das wird mich nicht davon abhalten, bei Gelegenheit in den zweiten Fall von Xavier Kieffele hinein zu lesen.